So werden Kriege inszeniert & die Bevölkerung ruhig gehalten

Sehr geehrte Leser,

dieser Bericht stellt ein Interview der Internetzeitung JungeWelt mit der Irakerin Dr. Souad Nij Al-Azzawi dar.

Dr. Souad Naij Al-Azzawi studierte in den 70er Jahren an der Universität Mossul Bauingenieurwissenschaften und promovierte anschließend in den USA über die radioaktive Verseuchung des Grundwassers in Colorado durch Kernkraftwerke. 1991 kehrte sie in ihr Heimatland zurück. 2003 wurde sie mit dem »Nuclear Free Future Award« ausgezeichnet.

Wir finden, dass das Interview exemplarisch zeigt, wie die Medienberichterstattung uns glauben lässt, was wir glauben sollen. Es werden immer wieder ähnliche Muster genutzt. „Rebellen“ werden von bestimmten Staaten (es sind immer dieselben) finanziert und Ausgebildet und vorzugsweise in Länder gesandt, die eine Gold-Währung haben, oder sich von den USA unabhängig und tatsächlich stabil machen möchten. Deren Machthaber werden als Terroristische Diktatoren dargestellt, die auf ihr eigenes Volk losgehen, und unter pompösen Berichten und dramatischen Militäraktionen, bei denen immer Zivilisten umkommen, ermprdert. Dann wird es in den Massenmedien verbreitet, welcher große Segen durch den Krieg in das Land gekommen sei. Schaut man sich aber die ECHTEN Fakten an, wie es dem Land und er Bevölkerung vorher und nachher ging, ist zu 99% eine enormen Verschlechterung der Lebensqualität und der finaniellen Situation des Landes und einer zufälligen Bestzung durch die NATO oder US-Armee zu beobachten.
So, oder so ähnlich, gesehen im Irak und in Lybien, aber sicherlich ist dieses Vorgehen Alltag für die diese Vorgänge steuernden Gruppen.

 

Hintergrund: Vorrücken auf Westmossul

Nachdem die irakischen Streitkräfte nach eigenen Angaben den Osten der Großstadt Mossul vom IS befreit haben, soll in den kommenden Tagen in den Westen der Stadt vorgerückt werden. Die Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass bei dem weiteren militärischen Vormarsch der »Anti-IS-Allianz« bis zu 750.000 Menschen in großer Gefahr seien. Die UNO spricht von einem »von Dschihadisten kontrollierten Westmossul«, ohne Belege dafür vorzulegen. »Wir hoffen, dass alles getan wird, um die Zivilisten zu schützen«, heißt es in einer Erklärung von Lise Grande, der Leiterin des UN-Büros für humanitäre Hilfe (OCHA) in Bagdad.

Der Westteil der Stadt sei kleiner als der östliche Teil, dennoch lebten dort sehr viel mehr Menschen, so die UN-Vertreterin. Alle Brücken über den Tigris seien zerstört und könnten von Fliehenden nicht genutzt werden. Die engen Straßen der Altstadt von Mossul »machen jede Militäroffensive (…) zu einer gefährlichen Operation sowohl für die irakischen Truppen als auch für Zivilisten.« Laut OCHA-Leiterin Grande werde das Schlimmste befürchtet, möglich sei auch eine Belagerung von Westmossul. »Bis heute sind die Hälfte aller in Mossul Getöteten Zivilisten. Die Menschen können durch versteckte Minen und im Kreuzfeuer getötet werden. Oder man benutzt sie als menschliche Schutzschilde«, so Grande.

 

 

Die UN-Hilfsorganisationen versorgen ebenso wie die Mitglieder der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung die Menschen, die vor den Kämpfen geflohen sind oder sie überlebt haben. Nach UN-Angaben sind dies 180.000, von denen 85 Prozent in 13 Lagern und Notunterkünften ausharren, die von der Regierung und deren Partnern – der »Anti-IS-Koalition« – errichtet wurden. Sieben weitere Lager sind noch im Bau.

 

 

Die Luftangriffe der US-geführten »Anti-IS-Allianz« erwähnte Grande nicht. Auch willkürliche Erschießungen von Unbewaffneten und Folter durch irakische Truppen wurden nicht erwähnt. Statt dessen wies die OCHA-Koordinatorin auf ein »humanitäres Konzept« hin, dass die irakischen Sicherheitskräfte anwenden würden. Demnach soll der Schutz von Zivilisten »im Zentrum des Kampfplanes« stehen.

 

 

Dass dem nicht so ist, räumte der irakische Ministerpräsident Haider Al-Abadi nun ein. Anfang der Woche setzte er eine Kommission ein, die Vorwürfe von Misshandlungen untersuchen soll. Unklar bleibt, wer die Tötung von Zivilisten durch Luftangriffe der US-geführten »Anti-IS-Allianz« untersuchen wird, bei denen unter anderem die Universität von Mossul beschossen und Wissenschaftler und ihre Familien getötet wurden.

 

Seit rund hundert Tagen läuft »Anti-IS«-Offensive auf Mossul. Luftschläge fordern zivile Opfer. Gespräch mit Souad Naij Al-Azzawi

Wenn wir in deutschen Medien in diesen Tagen überhaupt etwas über Mossul erfahren, dann geht es um »die Schlacht um Mossul«, dass »Tausende fliehen« und dass »die irakische Armee den Osten von Mossul eingenommen« habe. Entspricht das dem, was Sie aus Mossul hören?

Die meisten Medien verbreiten die gleichen irreführenden Berichte. Sie zeigen Fotos oder Videoclips, auf denen zu sehen ist, wie irakische Soldaten und Peschmerga IS-Kämpfer durch die Straßen jagen und wie sie sich in den Gebieten, die sie kontrollieren, um die Zivilisten kümmern. Die Wahrheit ist, dass seit mehr als einer Woche Tag und Nacht Hunderte Luftangriffe der US-Koalition und Langstreckenraketen über den Wohngebieten, die sie befreien wollen, niedergehen. Hunderte Zivilisten sterben oder werden in den Trümmern ihres Hauses verletzt. Andere fliehen, wenn sie können. Wer zurückbleibt, sitzt in seinem Haus wie in einer Falle, ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne Nahrungsmittel. Wenn sie – wie in Ramadi und Falludscha – die meisten der Viertel zerstört haben und sich sicher sind, dass IS-Kämpfer sich aus diesen Gebieten zurückgezogen haben, dann kommt die Armee mit den Kameras und führt den Fernsehteams ihren »Erfolg« vor. Währenddessen sterben die Verletzten weiter in den Trümmern ihrer Häuser, weil es kein schweres Gerät gibt, um sie zu bergen. Und selbst wenn die Verletzten geborgen werden, dann gibt es kein Krankenhaus mehr in der Nähe, in dem sie versorgt werden können. Denn die US-Koalition hat alle Krankenhäuser zerstört. Ich nenne das die absichtliche Vernichtung der irakischen Zivilbevölkerung.

Wissen Sie, wie viele Menschen noch in Mossul leben?

Seit die militärische Operation begonnen hat, sind etwa 200.000 Menschen geflohen. Demnach dürften noch etwa 800.000 Menschen in Mossul leben.

Was wissen Sie über deren Lebenssituation, wie sieht der Alltag aus?

Die Lage in der Stadt ist schrecklich. Es gibt keinen Strom, kein sauberes Trinkwasser, kein Benzin, keine Nahrungsmittel. Wie sollen die Menschen schlafen können bei dem grauenhaften Lärm der Bombardierungen, der Kampfflugzeuge und in ständiger Angst, dass die eigene Wohnung, das eigene Haus als nächstes von den Raketen zerstört werden könnte? Die Familien wissen nicht, wo sie ihre Kinder oder alte, kranke Angehörige und Nachbarn noch sicher unterbringen können, damit sie nicht verletzt oder getötet werden, wenn die Raketen der »Befreier« ihr Zuhause treffen. Es mangelt an Medikamenten, die Krankenhäuser sind zerstört, und so können selbst einfache, sonst ungefährliche Krankheiten zum Tod von Kindern und Alten führen.

Laut Presseerklärungen des Zentralkommandos der US-Airforce hat die »Anti-IS-Allianz« die Universität von Mossul seit Anfang des Jahres tagelang angegriffen. Am 18.1. heißt es: »Die Befreiung der Universität nimmt dem IS eine bedeutende Basis für seine Operationen und Recherchen. Diese ist kulturell wichtig für die Bewohner von Mossul und als Bildungseinrichtung auch ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt.« Sie haben selber in Mossul studiert und Kontakte zu den Fakultäten, welche Informationen haben Sie von dort?

Sie (die US-Airforce, Anm. d. Red.) müssen das natürlich sagen, um ihre Kriegsverbrechen zu verschleiern. Sie haben die gesamte zivile Infrastruktur in Mossul angegriffen: die Stromversorgung, Wasserwerke, Krankenhäuser, die pharmazeutischen Industrieanlagen. Lagerhäuser für Nahrungsmittel, sämtliche Einrichtungen der staatlichen Versorgung, die Banken und natürlich die Universität. Es handelt sich – wenn wir Falludscha und Ramadi einbeziehen – um die absichtliche und systematische Zerstörung aller Städte, die sich der Besatzung widersetzt haben. Die US-Besatzung nannte diese drei Städte (während der Besetzung des Irak ab 2003, Anm. d. Red.) das »Dreieck des Todes«. Die Bombardierung von Wohngebieten, die vielen Toten, die Zerstörung des zivilen Lebens und seiner Einrichtungen in diesen Städten gehören zu dem US-Plan, aus dem Irak einen »gescheiterten Staat« zu machen. Keine Stadt soll in der Lage sein, sich gegen die beabsichtigte Spaltung des Landes zu wehren und zu verhindern, dass Öl und andere nationale Ressourcen des Irak übernommen werden.

Das US-Militär spricht davon, die Universität von Mossul befreit zu haben.

Ich nenne das die Zerstörung von Mossul einschließlich der Universität. Wenn sie die Stadt hätten befreien und die Einwohner retten wollen, hätten sie eine Guerillataktik anwenden können. Doch sie entschieden anders, und Tausende von Zivilisten wurden zu »Kollateralschäden« erklärt. Was in Mossul in der Universität und gegen die Bevölkerung geschah, ist ein Kriegsverbrechen.

Bei einer Bombardierung wurde auch Professor Mohammed Tibi Al-Laila mit seiner Familie getötet. Sie haben bei ihm studiert, was für ein Mann war er?

Professor Mohammed Tibi Al-Laila war ein hochintelligenter, seriöser und engagierter Angehöriger der Fakultät, er nahm seine Arbeit sehr ernst. Er liebte Mossul und hat die Stadt, die Universität und die Studierenden nie verlassen. Nicht in der Zeit der Wirtschaftssanktionen von 1991 bis 2003 und auch nicht während der Besatzung nach 2003. In dieser Zeit verließen mehr als 60 Prozent der Akademiker den Irak. Vor allem diejenigen, die ihren Abschluss in den USA oder Großbritannien gemacht hatten, gingen fort. Sie konnten die schweren Lebensbedingungen und die schlechte Sicherheitslage nicht ertragen. Aber er blieb und betreute mehr als 60 Doktoranden und Masterstudierende im Bereich des Bauingenieurwesens. 2014 wurde er als herausragender irakischer Wissenschaftler ausgezeichnet. Er weigerte sich, sein Haus im Dhubat-Viertel rechts vom Tigris zu verlassen, weil der IS alle Häuser derjenigen beschlagnahmte, die die Stadt verließen. Er starb mit seiner Familie in den Trümmern seines Hauses. Sein Tod ist nicht nur für uns, seine Studenten, eine Tragödie. Es ist eine Tragödie für die ganze Gemeinde der Wissenschaftler, für die Stadt Mossul.

Die Friedensbewegung, Intellektuelle, Wissenschaftler in aller Welt äußern sich kaum zu dem, was in Mossul geschieht. Warum?

Ganz einfach: Die Masse irreführender Medienberichte verschleiert den Blick auf das, was dort geschieht. Die Befreiungsoperation fand zu dem Zeitpunkt statt, als alle Welt auf den Präsidentenwechsel in den USA blickte. Das war sicherlich kein Zufall, niemand blickte auf die Verbrechen, die in Mossul begangen wurden. Hinzu kommt, dass Personen, die das Geschehen in Mossul beim Namen nennen, diffamiert werden, den Terror und den IS zu unterstützen. Sie werden geradezu erpresst. In Europa will man unbedingt das Problem mit den Flüchtlingen loswerden. Man meint, unschuldige Leute im Irak zu töten und ganze Städte zu zerstören sei ein angemessener Preis dafür, um dem IS den Garaus zu machen. Hauptsache, die Flüchtlinge kehren wieder in ihre Heimat zurück und leben dort glücklich weiter.

Die deutschen Medien betonen oft, dass es einen »Religionskrieg« im Irak gibt. Sunniten bekämpften die Schiiten und umgekehrt. Christen, Jesiden, Assyrer verteidigten sich gegen die anderen. Ist das so?

Die Spannungen zwischen den Religionsgruppen wurden von der Besatzung geschaffen, um den Irak zu erobern, zu kontrollieren und alle Ressourcen zu übernehmen. Sie wurden durch eine von den US-Amerikanern geschriebene Verfassung und einen aufgezwungenen, konfessionellen politischen Prozess gefördert. Hunderte von Jahren haben die Iraker friedlich miteinander gelebt. Was heute geschieht, ist ein Interessenkonflikt unter denen, die die Besatzung des Irak betrieben haben. Das wird von den meisten Medien als »Religionskrieg« dargestellt.

Religiöse Minderheiten und Volksgruppen wie die Kurden werden von westlichen Staaten unterstützt. Frankreich und Deutschland beispielsweise bewaffnen und trainieren kurdische Peschmerga, die USA stellt jesidische und assyrische Batallione auf. Der Iran unterstützt schiitische Milizen, und alle zusammen fördern die irakische Armee. Warum?

Die Iraker sind das Volk der mesopotamischen Zivilisationen, sie sind sehr verschieden und doch geeint in ihrer Zivilisation. Als die US-Administration und die britische Regierung entschieden, alle Ölressourcen im Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen, entschieden sie auch, dass Israel sich ungehindert in der Region ausbreiten können soll. Ihnen war klar, dass das nur gelingen kann, wenn sie den Irak aufteilen und in drei oder noch mehr kleinere Gebiete zerschlagen. Diese Fragmentierung verläuft entlang verschiedener Volksgruppen und Religionen, die gegeneinander kämpfen. Gleichzeitig brauchen alle für ihre Kämpfe den Schutz der US-Amerikaner und der NATO. Was wir jetzt sehen, ist sozusagen die »Vollendung« dessen, was sie 1991 mit dem Irak-Krieg, dem Beginn der UN-Sanktionen und dem Schutzzonenregime begonnen haben: die Zerschlagung des Irak.

 

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Neurobiologe Gerald Hüther „Wissen kann man nicht beibringen“

Erneut gingen die Schüler Singapurs als Sieger des PISA-Tests hervor. Sowohl in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz hat der Stadtstaat aus Südostasien den Rest der Welt abgehängt. Den Preis für diese Goldmedaille zahlen die Kinder. Tage von bis zu zwölf Stunden, vollgestopft mit Unterricht, Nachhilfe und sonstigen Förderprogrammen sind keine Seltenheit. Die Ansprüche der Eltern sind enorm, und eine ganze Nachhilfeindustrie profitiert davon.

 

Eine Tendenz, die auch in Deutschland erkennbar ist. Jedoch Kindern Wissen einzubläuen, nur weil wir Erwachsenen meinen, dass sie das am besten für den Wettbewerb des Lebens vorbereitet, kann langfristig auch das Gegenteil verursachen. „Wissen müssen sich die Kinder selbst aneignen wollen“, sagt der Neurobiologe und Lernforscher Prof. Gerald Hüther. Das Wichtigste was Schule Kindern mitgeben sollte, ist die Freude am Lernen. „Wer die Freude am Lernen verliert“, so Hüther, „verliert auch die Freude am Leben.“ Eines der Hauptprobleme in Deutschland sei jedoch, dass unser Schulsystem nie dafür gedacht war, lernfreudige Kinder auszubilden.

Schulen dienen mehrheitlich der Systemerhaltung

Die Grundidee des deutschen Bildungssystems stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es galt, durch einen einheitlichen Lehrstoff und einheitliche Prüfungen junge Menschen auszubilden, die mit ihrem erlernten Wissen zur Erhaltung des Staates beitragen. Mit der sogennnten „preußischen Bildungsreform“ sollte die Beamtenelite von morgen geschaffen werden. Das Abitur als Voraussetzung für einen Studienplatz und die allgemeine Schulpflicht entstanden in dieser Zeit. Wissen ist Macht, war die Maxime. Das Kind als Subjekt mit seinen ihm eigenen Talenten, Begabungen und Besonderheiten stand dabei nie im Mittelpunkt.

„Wir erziehen Kinder zu Einzelkämpfern“

An dieser Vorstellung der Bildung hat sich seit damals nicht viel geändert. Doch unsere Gesellschaft hat es. Wettbewerb und Effizienz sind die Götter der modernen Ökonomiegesellschaft. Laut Hüther bedeute das für uns Folgendes:

„Unsere gegenwärtige Gesellschaft ist im Wesentlichen eine vom Wettbewerb bestimmte Konsumgesellschaft, und deshalb brauchen wir Kinder, die möglichst wettbewerbsfähig sind. Für den Wettbewerb bereiten wir die Kinder optimal vor, und als Kunden bereiten wir sie insofern vor, dass sie aus den Schulen ja meist herauskommen und nicht wissen, was sie eigentlich wollen, wozu sie da sind und wozu das Lernen überhaupt gut ist. Wir erziehen sie zu Einzelkämpfern.“

Gerald Hüther

Damit erliegen wir einem doppelten Trugschluss. Aus Sicht der modernen Lernforschung kann man niemanden dazu bringen, sich vorselektierten Lernstoff dauerhaft anzueignen, wenn man es nicht gleichzeitig schafft, Begeisterung für das zu Lernende zu erzeugen. Oder wieviel wissen Sie noch aus Ihrer Schulzeit?

Darüber hinaus bereiten wir auf diese Weise niemanden auf die Herausforderungen der zukünftigen Arbeitswelt vor. In Zeiten, in denen man sich beinahe jedes Wissen der Welt angoogeln kann, bräuchte man eher Nachwuchskräfte, die dieses Wissen, welches sie sich gerne angeeignet haben, kreativ umsetzen können. Wer braucht schon einen Handwerker, der weiß, was ein Schraubenzieher ist, aber nicht weiß, was er damit tun soll?

Belohnung und Bestrafung ist „Abrichtung und Dressur“

Ein erster Schritt hin zu selbstverantwortlichen und kreativ denkenden Kindern könnte zu Hause gemacht werden. Kinder zu belohnen, wenn sie etwas gut gemacht haben oder eben zu bestrafen und zu rügen, wenn sie etwas falsch gemacht haben, mag an sich logisch klingen, hat aber auch mindestens genauso logische Nachteile.

Man dürfe das natürlich machen, meint Gerald Hüther aber: „Das ist Abrichtung und Dressur wie bei Tieren im Zirkus.“ Diese dressierten Kinder „machen zur Not sogar Abitur mit 1,0, aber sie haben sich nicht entfaltet, sondern sind in einer bestimmten Weise zurechtgebogen worden.“

Kritik an Chefs der Weltkonzerne

Ohne jemanden namentlich zu nennen, richtet der Lernforscher dabei eine direkte Kritik an die Chefetagen der großen Weltkonzerne. Darin säßen Entscheider, die die beste Bildung erhalten hätten, jedoch wohl eine Bildung, die offenbar nicht dazu geführt hätte, dass diese Personen „so etwas wie ein Gewissen oder eine Selbstachtung oder eine Würde entwickelt haben, die sie dazu veranlassen würde, ihre Unternehmen auf eine Art und Weise zu führen, die dazu beiträgt, dass andere nicht darunter leiden.“

Was für eine Welt wollen wir eigentlich?

Wir erhalten ein Jahrhunderte altes Schulsystem aufrecht und messen Kinder zu stark an unseren Erwartungen, konditionieren sie sogar wie Tiere, wenn man Gerald Hüther Glauben schenken mag. Das alles, obwohl wir nur das Beste wollen. Doch woher sollten wir es auch besser wissen? Wir sind doch selbst durch dieses System gegangen, wurden an den gleichen Maßstäben gemessen.

Genau hier verorten Kritiker wie Gerald Hüther das Grundproblem. Die Ausbildung unserer Kinder, die Morallosigkeit unseres Wirtschaftssystems und auch unsere Vorstellung einer gut gemeinten Erziehung seien Symptome einer nicht geführten Gesellschaftsdebatte. Bevor wir darüber geredet hätten, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen, hätten wir angefangen zu wirtschaften. Die Wirtschaft sollte eigentlich dem Menschen dienen, doch mittlerweile dienten wir der Wirtschaft. Debatten über Wirtschaftsethik, Bildungspolitik oder Erziehung gingen somit die unbequeme Frage voraus: Was für eine Welt wollen wir eigentlich?

Kinder brauchen eine stabile Vertrauensbasis

Eigenverantwortung und Eigenständigkeit sind Werte, die in der Erziehung der Naturvölker in Papua-Neuguinea ganz oben auf der Skala stehen. Ein Blick auf die Rechte und Pflichten von Kindern in anderen Kulturen offenbart interessante Einsichten und lädt zum vorurteilsfreien Vergleich ein.

Bis dahin gilt es, in dieser Welt zu leben. Leider in einer Welt, in der immer mehr Kinder an den hohen Anforderungen scheitern. Jedes 6. Kind und jeder 5. Jugendliche in Deutschland leidet unter hohem Stress, befand eine Studie der Bayer Health Care schon 2015. Das kann zwei Gründe haben: Entweder werde es dem Kind wirklich zu viel oder, so Hüther: „das Fundament, auf dem das Kind steht, ist zu dünn.“

Wir könnten dieses Fundament laut Hüther jedoch stärken. Wenn wir Kindern mehr Freiheiten ließen, lernten sie Vertrauen in sich selbst. Wenn wir für unsere Kinder bei Problemen tätig würden, anstatt ihnen „einfach nur über den Kopf zu streicheln“, hätten sie mehr Vertrauen in Andere. Wenn wir ihnen sagten und vorlebten: „Egal was kommt, es wird wieder gut!“, dann hätten sie mehr Vertrauen in das Leben an sich. Daraus bestünde das Fundament, das unsere Kinder in der Wettbewerbsgesellschaft stärken könne, meint der Neurobiologe.

Die Zukunft der Arbeit

Ob man Gerald Hüthers Gedanken nun folgen mag oder nicht, etwas müssen wir ändern. Denn längst haben wir Werkzeuge erfunden, die schneller und effektiver arbeiten als wir. Jungen Menschen einfach viel Wissen beizubringen und ihnen vorzugaukeln, mit einem Abitur seien sie für die Zukunft bestens vorbereitet, ist vorgestrig. Keine moderne Gesellschaft braucht Nachwuchs, der mit seinem Schulwissen zu den Datenmengen von Google und Co. in Konkurrenz tritt.

Die Zukunft der Arbeitswelt besteht aus Problemlösern und kreativ denkenden Köpfen, die wissen, wann und wozu sie welches Wissen brauchen, wo sie es herbekommen und wie sie es am besten anwenden. Es braucht Menschen, die richtig Lust darauf haben, sich ständig neues Wissen anzueignen, weil es ihnen Spaß macht und nicht weil sie müssen. Wir sind dazu verpflichtet ihnen genau das beizubringen. Wer weiß, vielleicht erziehen wir genau so die Menschen, die sich irgendwann zu fragen trauen: Was für eine Welt wollen wir eigentlich?